Kapitel II. Die ältesten Karten

 

10. Münster's Cosmographia.

Vier Jahre nach Ausgabe der Ptolemäischen Geographie liess Münster, ebenfalls bei Heinrich Petri zu Basel, unter dem Titel „Cosmographia. Bschreibung aller Lender", einen stattlichen Folianten ausgehen. In der demselben vorgesetzten, vom 17. April 1544 datirten Zuschrift an König Gustav von Schweden sagt er:

„Zu beschreiben die ganz welt, wie mein fürnemmen ist, inn disem buch, Grossmechtigster und gnedigster Herr, erfordert ein weitschweiffig und wol bericht gemüt, dz vil gelesen, vil gesehen, vil gehört und vil erfaren hab, welches dannocht alles noch nit gnug will sein, wo nitt ein recht urtheyl darbey ist, dadurch man unterscheide das war von dem falschen, und das gewiss von dem ungewissen. Es were nach den büchern Göttlicher geschrifft kein lesen auffertrich lustiger und nützlicher dem menschen, dann das lesen der historien, wo sie (als sie solten) on angesehen diser oder jhener partheyen geschriben weren. Dann was sind alle historien dann fürgebildte exempel, an denen man sieht, wie diese oder jene sach aussgeschlagen, wie menschliche witz unn Vorsehung zum offtern mal so ongewiss, ja blind ist, und alle ding so gar an der hand Gottes hangen, der alle ding würcket in allen dingen. Aller unser rathschlag ghat hinder sich, wo es dem fürsehen Gottes nit gemäss ist."

In dem darauf folgenden Vorwort beschreibt Münster wie nach und nach aus dem Urzustande Gesittung, Ansiedlungen , Acker- und Weinbau, Handel, Schiffahrt, Handwerk, Künste und Wissenschaften entstanden seien, und leitet dann aus dem Umstande dass „das leben zu kurtz, das ein mensch mög beschauwen dz gantz ertrich" den Nutzen seiner gegenwärtigen Arbeit ab, für welche er die „geschrifften" von Ptolemäus, Strabo, Tacitus, Plinius, Vesputius, Beatus Rhenanus, „Egidius Schudus", etc. benutzt habe, und für die er durch „Hadrian von Riedmat bischoff zu Sitten, Bonifacius Amerbachius professor zu Basel, Johannes Dryander zu Martburg, Niclaus Briefer Licentiat in rechten zu Basel, Adelberg Meyer Burgermeister zu Basel, Johannes Kalbermatten Landvogt zu Wallis, Jakob Köbel zu Oppenheim, Johan David zu Basel, Andreas Heinlin zu Nürnberg" und andere Männer vielfach unterstützt worden sei.

Auf den Inhalt des hierauf folgenden, volle 649 Seiten beschlagenden, für Geographie und Geschichte noch jetzt Interesse bietenden Textes, braucht hier nicht eingetreten zu werden, zumal die von Münster zur Aufnahme einer Gegend beliebte Methode schon bei Besprechung seiner Vorarbeiten von 1528 und 1537 behandelt worden ist (1); dagegen bleibt noch von den 24 beigegebenen Landtafeln diejenige zu erwähnen, welche die Schweiz beschlägt: Sie führt den Titel „Die erst tafel des Rheinstroms, inhaltende die Eidtgnoschafft oder Schweizerlandt, Boden­see, Schwartzwald, Elsass und Brisgöw", und unterscheidet sich von der zuvor beschriebenen in Maassstab, Anlage und Detail gerade um so viel, dass sie nicht als Copie derselben und doch auch nicht als eine irgendwie wesentlich verbesserte neue Auflage angesehen werden darf (2). Nach Norden greift sie etwas weiter in Deutschland ein, während sie dagegen nach Süden schon mit Bellenz abschliesst, — die Parallelkreise der frühern Karte fehlen, — dagegen ist die Terrainzeichnung ein bischen besser und die Anzahl der aufgenommenen Ortschaften ein wenig grösser.

Die zahlreichen spätern und in allen möglichen Sprachen veranstalteten Ausgaben der Cosmographie zeigen da und dort kleine Verbesserungen, welche jedoch für gegenwärtigen Zweck nur untergeordnetes Interesse haben, da sie bereits in eine Zeit fallen, aus der überhaupt schon bessere Arbeiten vor­liegen; es mag so nur beiläufig noch die Bemerkung Platz finden, dass in denselben dem Texte noch Skizzen vom Wallis, vom Genfer-See, vom Wiflispurger-Göw, etc. eingefügt sind, welche muthmasslich Ergebnisse einer 1546 von Münster in jene Gegenden unternommenen Reise waren, — ferner eine „Basiliensis Territorii Descriptio nova" (3), — und zum Schlusse endlich soll noch der Kuriosität wegen des Eindruckes gedacht werden, welchen die Gebirge auf unsern Reisenden mach­ten, so z. B. der damalige Weg über die Gemmi. „Diser Weg geht nicht stracks hinauff", erzählt er; „denn es were unmüglich solcher weiss zu ersteigen, sondern krümpt sich hin und wider zur Linken und zur Rechten mit kleinen und gantz schmalen Gängen: so einer neben den Weg hinabsiehet, kompt jhm ein grawsame Tieffe entgegen, die kaum ohn Schwindel dess Haupts mag ange­blickt werden. Ich weiss wol da ich auss dem Bad auff den Berg stig, den zu besichtigen, zittert mir mein Hertz und Bein."