Kapitel II. Die ältesten Karten
Wie so eben erwähnt wurde, verdanken wir
die erste graphische Darstellung unseres Landes, welche den Namen einer
Karte verdient, dem berühmten Geschichtsforscher Tschudi:
Zu Glarus im Jahre
1505 dem Pannerherrn Ludwig Tschudi geboren, erhielt Egidius Tschudi oder, wie
er sich gewöhnlich unterschrieb, „Gilg Schudy" durch den
nachmaligen Reformator Ulrich Zwingli, der damals Pfarrer in Glarus war und
zugleich Schule hielt, — den ersten Unterricht. Im Jahre 1516 zog er nach
Basel, wo ein Anverwandter von ihm, Heinrich Loriti von Mollis genannt Glarean
(1)
, eine Art Convict für junge Studirende hielt, — wurde
von diesem in die alten Sprachen, Geschichte und Mathematik eingeführt, und
folgte ihm 1517 nach Paris, wo er noch etwa drei Jahre unter seiner Aufsicht
studirte.
Nach Hause zurückgekehrt, fasste Tschudi den Entschluss sich mit seinem Vaterlande und dessen Geschichte vertraut zu machen, und begnügte sich nicht das darüber Geschriebene aufzusuchen und zurechtzulegen, sondern durchzog, so wenig es damals noch Uebung war, das Land selbst nach allen Richtungen, überall Nachfrage haltend und die durchwanderten Gegenden skizzirend. So sammelte er nach und nach den Stoff zu seiner Darstellung der „alpisch Rhätia" in Wort und Bild, von welcher sofort einlässlich die Rede sein wird, und über welche er sich selbst später (2) in den Worten äusserte: „Gemelts Büchli hab ich zu müssiger, rüwiger Zeit kolligirt, als ich zevor der alten Autores vil gelesen und etliche Alp-gebirg, namlich den hohen St. Bernhard, den Gletscher, die Furcken da der Rhodan entspringt, den Gothart da Ticinus, Ursa und der vorder Rhin us fliessend, den Luckmanier da der mitel Rhin, den Vogel da der hinder Rhin entspringend, den Urschler (auch der Splüger genampt), den Septmer und andere mer durchwandlet, auch die biligenden Landschaften beidersits merteils erduret hatte."
Auch von 1530 hinweg, wo Tschudi als Landvogt in Sargans, Rorschach und Baden stand, benutzte er seine Stellungen und Reisen um die Archive der verschiedenen Länder und Klöster zu durchforschen, — seine Musse um sein berühmtes „Chronicon Helveticum" zu schreiben, durch welches er sich ein neues grosses Verdienst um sein Vaterland erwarb, und noch ein grösseres erworben haben würde, wenn er nicht immer gezögert hätte dasselbe zu veröffentlichen. Als Tschudi, der 1558 Landammann von Glarus geworden war, im Jahr 1572 starb, konnten sich auch seine Erben nicht entschliessen das Manuscript an des Verstorbenen Freund Josias Simmler (3) , welcher zur Herausgabe sowohl gewillt, als vorzüglich befähigt gewesen wäre, abzugeben, — ja erst im 18. Jahrhundert gelang es diese wichtige, bis dahin nur in einzelnen Abschriften verbreitete Arbeit wenigstens zum grössten Theil an die Oeffentlichkeit zu bringen (4) , — und eine Reihe anderer Manuscripte des grossen Forschers, in welche da und dort auch bezügliche Handrisse eingefügt sind, warten gegenwärtig noch in der Stiftsbibliothek zu St. Gallen, welche den grössten Theil seines wissenschaftlichen Nachlasses erworben hat, ihrer Auferstehung.