Kapitel IV. Die Arbeit der Scheuchzer

 

32. Die Höhenmessungen.

„Die Arten und Manieren mit welchen man die Berghöhenen messen oder in Erfahrung bringen kan",

sagt Joh. Jakob Scheuchzer, (1),


„seyn sonderlich zweyfach: die einten Geometrisch, die anderen Physicalisch. Jene geschehen durch hilff Mathematischer Instrumenten, als da sind Quadranten, halbe Zirkel, Tischlein, mit welchen man aus denen Grundsäzen der Trigonometrie, oder auf Mechanische Weise ohne Rechnung, die Höhen der Bäumen, Thürmen, Bergen kan erforschen.
Disere Messart ist gebraucht worden von allen alten und neuen Mathematischen Naturforscheren, und habe auch ich in meinen sonderlich ersteren, Berg-Reisen nebst an¬deren zu meinem Vorhaben dienlichen Instrumenten allezeit mitgeführt einen in Grad und Minuten abgetheilten Messingen halben Zirckel, und darmit hier und da allerhand Proben gemacht.
Nach der Zeit habe dises Instrument zu Hauss gelassen, weilen mir erstlich die Erfahrung gezeiget und hernach auch die Vernunft, dass die Geometrischen Instrument theils beschwerlich, theils betruglich, und die darmit vorgenommenen Messarten an disem Ort unzulänglich seyen. Hier habe ich nicht können zurecht kommen wegen enge der Thäleren, dort wegen allzu grosser haldung ihrer Flächen: welche mir selten zugelassen eine nach proportion der Höhe in eine Horizontal Länge sich zeuhende Standlini zu sezen.

Beneben war mir unverborgen, dass ein Fehler von etlichen Minuten, welcher sonderlich bey Instrumenten von kleinem Durchmesser fast unaussbleiblich an der Senkelrechten begehrten Höhe der Bergen von merklichem Nachtruk ist. Diss alles aber hette mich noch nicht abwendig gemachet von dem Gebrauch diser Messart, wann nicht in reiffer Nachtrachtung wichtigere Gründe gefunden hette darvon abzustehen. Ich gewahrete, obgleich allen möglichen Fleiss bey denen Operationen angewendet, dass die Berge nach gemachter Triangel-Rechnung viel höher herauss kommen, als sonst Natürlich möglich, oder dem blossen Ansehen wahrscheinlich, oder mit andern Proben zu vergleichen war. In mehrerm nachdenken beredte mich, dass die Sonnen- oder Liecht-Stralen, welche von denen Spizen der Bergen in die Thäler fallen, und bisher von denen Geometris oder Feldmessern angesehen worden vor Gerade Linien, auss unzehlich vil graden gebrochenen oder krummen Linien bestehen."

Nachdem sodann Scheuchzer theils selbst noch näher auf die Theorie der Refraction eingetreten, theils Einiges aus den betreffenden Untersuchungen seines Freundes
Joh. Jakob Hermann (2), mitgetheilt, fahrt er fort:

„Ich wende mich nun zu der zweiten Manier die Berghöhen abzumessen durch Mittel des sog. Barometri oder Wetterglases. — Sobald die Naturforscher sich besicheret, dass die bey dem Wetterglass vorfallende Enderungen des Quecksilbers zu ihrer Grundursach hatten die verschiedene Schwere und Höhe der Luft, könten sie sich wohl einbilden, dass das Quecksilber auf einem Berg tieffer müsste fallen als im Thal, weilen dort die Luft nicht so hoch als hier, folglich nicht so kräftig auf das Quecksilber kan trucken; worauss dann entsprungen die Begird hierüber Proben zu machen und einen neuen Weg zu abmessung der Berghöhen zu bauen. — Weilen mir in meinen Historisch Natürlichen Bergreisen vorgenommen disere Materi durch allerhand eigene Proben zu untersuchen, und also unserer Helvetischen Landen unebene Beschaffenheit desto besser zu erkundigen, als habe ich mich ins besonder beflissen auf einen kommlichen Apparat, dessen Gestalt und Zurüstung vor-nemlich zu danken hab dem Mechanischen Ingenio Herrn Hauptmann Esslinger's, eines Ehrenmitglieds des grossen Rahts allhier, meines wehrten Freundes (3), . Die Sicherheit und Kommlichkeit bestehet in dem, dass disen Messstab gebrauchen kan in Form eines Spazierstocks, dessen Länge ist ongefahr 31/3 Schuhe (4), . — Durch fleissige Mechanische und Geometrische Observationen habe wahrgenommen, dass das Quecksilber im Wetterglass in einer Höhe von 80 bis 90 Zür. Schuhen fallet einen zehenden Theil eines decimal Zohls oder einen Scrupel (5), , wornach bisdahin mich in meinen Aussrechnungen der Berghöhen gerichtet."

Scheuchzer theilt sodann noch die von Cassini und Mariotte aufgestellten Tafeln über die jedem Barometerstande entsprechende Meereshöhe mit, und wendet sie auf Beobachtungen an, welche er 1705 und 1706 auf dem Gotthard, der Furka und dem Joch machte, obschon er keineswegs auf jene Tafeln schwören will, sondern beifügt:

„Was denen Artzney Doctoribus begegnet, welche auf der Kanzel und in ihren Schriften alle Krankheiten zu heilen wissen, aber die vorkommende Schwerigkeiten in heilung der Patienten erst erfahren bey dem Beth, dass kam auch begegnen denen Herren, welche sich bemühet obgesezte Tafel ausszurechnen. Die Rechnung ist gut, es fragt sich aber, ob sie der Natur überall entspreche? Ob die Graduation der Luftdünnung in der Taht also seye wie sie vorgerechnet wird? Ob eine so richtige Ordnung nicht unterbrochen werde durch beständige Bergkälte, welche die Rarefaction oder Dünnung der hohen Luft merklich einzeuhet, und selbs das Quecksilber auf einen höhern Grad treibet als sonst die Tafel ausstruket? Ob nicht eine neue Aussrechnung nöhtig were, welche in betrachtung setzet nicht nur die Höhe und schwere, sondern auch die Kälte der Luft? Etc." —

Wie sehr Scheuchzer sich auch noch später in Verbindung mit s. Bruder Johannes und seinem Sohne Johann Caspar (6), bemühte diese Verhältnisse aufzuklären, und namentlich die schweizerische Hypsometrie zu fördern, geht aus s. Stoicheiographia, s. Itinera alpina und vielen speciellen Mittheilungen in den Pariser-Memoiren, den Philos. Transactions, etc. hervor (7), . Hier mag nur noch aus der ersterwähnten Schrift mitgetheilt werden, dass er 1709 mit Bruder Johannes die Höhe der Pfäfferser-Felswand „mit der Schnur, welche man von einem hervorragenden Baum herabgelassen bis an den Taminnabach" zu 119t bestimmte, — zugleich oben und unten die Barometerhöhe ablas, für welche er 898 und 928 Drittelslinien fand, — und sich nun unter Anwendung des Halley'sehen Satzes die Regel bildete: Wie sich die Differenz der Logarithmen von 928 und 898 zu dem Höhenunterschiede 119t verhält, so muss sich auch die Differenz der Logarithmen der an zwei ändern Orten beobachteten Barometerstände zu ihrer Höhendifferenz verhalten (8), , — eine Regel, nach welcher sodann Johannes eine Tafel berechnete, welche in der Stoicheiographia neben den entsprechenden Tafeln der Cassini und Mariotte mitgetheilt wurde.