Kapitel IV. Die Arbeit der Scheuchzer

 

35. Scheuchzer's Schweizerkarte.

Die von Scheuchzer in dem soeben mitgetheilten Schreiben vorgeführte Karte zeigt den Titel
„Nova Helvetise Tabula geographica, Illustrissimis et potentissimis Cantonibus et Rebuspublicis reformatae religionis Tigurinae, Bernensi, Glaronensi, Basiliensi, Scaphusianae, Abbatiscellanae, Dominis suis clementissimis humillime dicata a Joh. Jacobo Scheuchzero Tigurino Med. D. Math. Prof. 1712" — füllt 4 Blätter von je 74½ auf 55 ½ cm., — und wurde nach Scheuchzer's Zeichnung, deren Original später an die math. milit. Gesellschaft in Zürich kam, sammt den durch Joh. Melchior Füssli (1) gemalten, theils landschaftlichen, theils naturhistorischen Verzierungen, durch Joh. Heinrich Huber und Emanuel Schalch (2) gestochen. Obschon sich dieselbe weder nach ihrer Anlage (3) , noch nach ihrer Zeichnung vor den Karten der nächsten Vorgänger besonders auszeichnete, ja obschon für sie nicht einmal alle vorhandenen Hülfsmittel in erschöpfenderWeise benutzt wurden (4) , so wurde sie doch von Behörden und Privaten ausserordentlich günstig aufgenommen, vielfach copirt (5) oder wenigstens als Grundlage neuer Karten benutzt (6) , — ja sie blieb bis gegen Ende des Jahrhunderts, oder wenigstens bis zum Erscheinen des Walser'schen Atlasses die weitaus geschätzteste Darstellung des Schweizerlandes.

Was zunächst die Behörden anbetrifft, welchen er die Karte mit s. oben mitgetheilten Schreiben übermachte, so finden wir im Zürcher-Rathsmanual von 1713 V 5 die bezügliche Stelle:
„Es ward verlesen eine demüthige Bittschrift Herrn Dr. und Prof. Joh. Jac. Scheuchzers, mit welcher MGH. Räth und Burger selbiger eine mit ohngemein grosser Müh, Fleiss und Kösten in 18 Jahren ausgearbeitete eidgenössische Land-Charte dedicieret und verehret, woraus MGH. sowohl als anderen Herrn Doctoris dem Publico herausgebenden Arbeiten seine distinguirte, gelehrte und rühmlich ohnverdrossene Arbeit zu gnädigem Vernügen und Wohlgefallen ersehen und desswegen erkennt, dass vor einmal ihme, Herrn Doctori, die verehrten Exemplaria (7) mit 500 Fl. aus dem Seckelamt bezahlt, die fernere Recognition aber von MGH. Räth und Burger bestimmt werden solle."

Von solchen weitern Beschlüssen findet sich dann aber nichts registrirt, und erst 1714 III 15, nachdem Scheuchzer, in Folge eines durch Vermittlung von Leibnitz erhaltenen Rufes als Leibarzt Peter's des Grossen, sich neuerdings an den Rath gewandt hatte, enthält das Manual die bezügliche Stelle:
„Wofern Herr Doctor sich entschliessen sollte in dem Vaterland zu verbleiben und seine schönen Talent und Wissenschaften in selbigem anzuwenden, haben MGH. ferners einhellig erkennt, dass ihme zur Recompens seiner mit vieler Arbeit zu wegen gebracht eidgenössischer Chart, die er MGH. verehrt, zu jährlicher Verbesserung seines Salarii 100 Fl., 12 Mütt Kernen und 12 Eimer Wein, aus beiden Aemteren, dem Obmann- und Studentenamt, jährlich in der Meinung geordnet sein, dass nach anderem seinem Beruf, disere Personal-Gnad denen Aemteren wieder heimfallen, darmit aber die etliche Jahre wegen seiner eidgenössischen Reisen und Correspondenzen bezogene hundert Thaler aufhören, und er, Herr Doctor, wöchentlich drei Stund publice dociren solle."

Welche Antworten oder Geschenke Scheuchzer von den übrigen Kantonen, welchen er s. Karte dedicirte und übersandte, erhalten, weiss ich nicht; dass dagegen das Publikum dieselbe, nicht nur zur Zeit ihres Erscheinens, und aus gebührendem Respect vor ihrem gelehrten Verfasser, sehr schätzte, sondern sich ihrer noch lange nachher, wenn auch zum Theil bloss „faute de mieux", vorzugsweise bediente (8) , geht am besten daraus hervor, dass Joh. Hofmeister (9) noch 1765 vorteilhaft fand eine neue Ausgabe zu veranstalten und zugleich dem Publikum aufgezogene Exemplare zu „commodem Gebrauch zu den Gebirgs- oder Schweizer-Reisen" anzubieten (10) , — sowie es ein Belege für die lange vorhaltende gute Meinung ist, dass sogar noch 1781 der Rathsredner Bachofen (11) etwas Verdienstliches zu machen glaubte, als er ein Exemplar der Karte mit dem ihr fehlenden Gradnetze versah und dieses der Regierung überreichte (12).