Kapitel IX. Der Schweizer-Atlas von Meyer.

 

84. Die Panoramen von Müller.

Wie bereits erwähnt, zeichnete Müller theils für seine im Dienste von Meyer gemachten Arbeiten, theils später für sich selbst eine grosse Menge von kleinern und ausgedehntern Bergansichten und Panoramen. Viele derselben mögen theils noch von ihm selbst, theils von s. Erben verschenkt oder vernichtet worden sein, und dennoch fanden sich, als 1874 auf meinen Wunsch die Familie das noch Vorhandene an die Sternwarte des Schweiz. Polytechnikums schenkte, noch bei 1000 Stücke vor, von welchen eine Auswahl von 120 in zwei Bänden der Sammlung der Sternwarte einverleibt wurde.

Zu meiner grossen Freude unterzog sich auf meine Bitte hin dann alsbald der gerade die von Müller vorzugsweise bearbeitete Centralschweiz durch und durch kennende Herr Heinrich Zeller-Horner der grossen Mühe nicht nur von dem Ganzen eine etwelche Kenntniss zu nehmen, sondern namentlich die beiden Bände eingehend zu studiren, und so weit möglich jedes einzelne Blatt zu bestimmen, — was natürlich nur einem genauen Kenner unserer Alpen möglich war, da auf den meisten Blättern gar keine, auf den übrigen nur einige wenige und meistens noch fast unleserlich hingekritzelte Namen zu finden waren, von Angabe des Standpunktes, etc., kaum zu sprechen.

Der von ihm erbetene schriftliche Befund über s. Durchsicht lautet nun wie folgt:

„Von ungefähr 1000 kleinern und grössern Gebirgsansichten, welche Herr Ingenieur Müller hinterlassen hat, befinden sich 120 der bemerkenswerthesten in zwei Bänden in der Sammlung der Sternwarte des schweizerischen Polytechnikums, und erstrecken sich über folgende Gebiete:

— 30 Blatt Walliseralpen, namentlich: Lötschthal und Aletschgruppe; Penninische Alpen vom Simplon bis Combin; Gemmigruppe; Panorama vom Sidelhorn.

— 25 Blatt Berneralpen, insbesondere vom Sidelhorn und Nägelisgrätli.

— 25 Blatt Unterwaldneralpen, worunter 14 aus Engelberg, namentlich: Panorama vom Titlis, Engelberger-Rothstock und Buochserhorn.

— 17 Blatt Urner- und Glarneralpen, z. B. Gotthard-Gruppe; Panorama vom Diedenberg und Bristenalp.

— 11 Blatt Luzern, Schwyz, Zug, besonders: Panorama vom Rigi und Aussicht vom Pragel.

— 6 Blatt Graubünden und Tessin, namentlich: Rheinwaldgruppe; Lukmanier und Livinergruppe; vom Galenstock bis Tödi, Ansicht bei Dissentis.

— 6 Blatt St. Gallen und Appenzell: Aussicht vom Leistkamm und vom Gäbris.

Diese Zeichnungen bilden einen schätzbaren Beitrag zur Geschichte der Gebirgspanoramen, und fallen ungefähr in den Zeitraum von A. 1790 bis 1826, gehören also zu den frühesten Leistungen in diesem Fache.

Von einigen Standpunkten sind es ohne Zweifel die ersten und vielleicht auch die einzigen Aufnahmen. Bei Beurtheilung derselben muss man aber berücksichtigen, dass Müller solche zwar mit richtigem Blick, aber ungeübter Hand, lediglich als Grundlage zu seinen berühmten Reliefs aufgenommen hat.

Die Umrisse sind keck und bestimmt, und wenn auch in den Details unvollkommen und in den Höhenverhältnissen oft übertrieben, doch hinlänglich genau, um die Gipfel sogleich erkennen zu lassen.

Charakteristisch sind s. Zeichnungen (wie die beigegebenen zwei Proben zeigen) dadurch, dass er mit geübtem Auge und bedeutender Ortskenntniss die zu s. Zwecke so nöthigen Gräte und Runsen der Gebirge und Scheidungslinien der Thäler besonders deutlich hervorzuheben wusste.

Die technische Behandlung ist wegen mangelhaftem Material sehr primitiv, die Umrisse meistens mit der Feder, die ausgeführten Blätter leicht getuscht mit Angabe des Alpengrün und der Gletscher. Eine fortschreitende Verbesserung ist aber in mehreren zu erkennen.

Panorama Prättigau Panorama Engelberg

Mit der Nomenclatur hat sich Müller nicht gerne befasst, denn es finden sich nur wenige Blätter mit einigen fast unlesbaren Namen. Selbst die Standpunkte sind selten angegeben, und von Daten ist fast keine Spur. Häufig sind die Blätter numerirt, was sich wohl auf ein specielles (aber kaum mehr vorhandenes) Namensverzeichniss beziehen dürfte.