Kapitel V. Spätere Detailarbeiten

 

51. Ludwig von Meiss.

Zu Zürich 1745 geboren, wurde Junker Ludwig Meiss, der sich frühe durch seltene Tüchtigkeit auszeichnete, schon 1769, nachdem er einige Jahre in holländischen Diensten zugebracht hatte, mit der „ennetbürgischen" Landvogtei Luggarus betraut. Nach Verfluss der Amtsdauer, die s. Herzensfreund Rudolf Schinz (1) mit ihm durchlebt hatte, durchreiste er mit demselben Ober- und Unter-Italien, und kehrte dann nach Zürich zurück, wo er nun als „Mittelrichter" amtete, bis ihm 1777 die Landvogtei Lauis übertragen wurde.

Im Jahre 1780 nach Zürich zurückgekehrt, wurde er schon 1783 zum Landvogt von Kyburg gewählt, wo er 6 Jahre verblieb, und unter Anderm mit vielem Geschick den Strassenbau an der Steig bei Töss leitete. Im Jahre 1789 wurde er zum Schultheiss am Stadtgerichte und Hauptmann des Küssnachter-Quartiers ernannt, — im folgenden Jahre zum Rathsherr von der Constaffel und zum Obervogt von Meilen,— und ohne Zweifel wäre er noch weiter gestiegen, wenn ihn nicht schon 1796 während eines Aufenthaltes auf s. Landgute zu Erlenbach der unerbittliche Tod abgerufen hätte. —

Als Meiss von Lugano zurückkehrte, beschenkte er die Mathematisch-militärische Gesellschaft zu Zürich (2), die ihn längst zu ihren eifrigsten Mitgliedern zählte, mit einer Karte von den Landvogteien Lauis und Mendris, welche ein dortiger Ingenieur, Namens Pietro Nevrone (3) nicht nur in s. Auftrage, sondern unter s. Aufsicht und Beihülfe, zum kleinern Theile aus vorhandenen Plänen ausgezogen, zum grössern Theile aber geometrisch aufgenommen hatte. Sie wurde einige Jahre später für Freund Schinz, welcher dieselbe gerne dem 4. Hefte seiner „Beyträge zur nähern Kenntniss des Schweizerlandes" beilegen wollte, durch einen jungen Zürcher, Hans Conrad Finsler (4), sorgfältig reducirt, sodann 1786 durch Clausner in Zug (5) gestochen, und verdient als eine der ersten, etwas zuverlässigen Karten jener Gegenden volle Anerkennung (6). —

Welche Vorarbeiten Meiss für s. Karte verwenden konnte, wird nicht mitgetheilt, doch war ihm jedenfalls die von Kapuziner Barnaba Albogasco gestochene „Carta geographica del Lago di Lugano" bekannt, da er dieselbe 1782 der math. milit. Gesellschaft schenkte (7), — wahrscheinlich ebenso die schon von Scheuchzer benutzte „Descrittione del Lago e Valle di Lugano fatta da Gio. Pietro Verda", ein Blatt von 29 auf 29 cm., das gar nicht übel angelegt ist (8), — und vielleicht auch die nach Haller von Giorgio Fossati verfertigte und 1740 erschienene „Carta corografica del Lago di Lugano co'suoi Confini", ein Blatt von 49 auf 35 cm., dessen Anlage jedoch noch ziemlich viel zu wünschen übrig lässt (9).

Wenn aber auch hierin Unsicherheit bleibt, so ist dagegen einerseits sicher, dass Meiss alle diese Vorgänger bedeutend übertraf (10), und anderseits dass er an Nevrone eine geschickte Hülfe besass. Für Letzteres zeugt unter Anderm ein in der Ziegler'schen Sammlung befindlicher, den südlichsten Theil des Tessins beschlagender Plan von 83 auf 105 cm., der keinen Titel, aber die Signaturen „P. Neurone Luganese Delegato l'anno 1780. — Dessinée et cop. par S. Spitteler 1781" (11) trägt, und einen recht guten Eindruck macht; die Terrainzeichnung ist nur leicht hingeworfen, aber von geschickter Hand, so dass namentlich einzelne Abhänge sich sehr charakteristisch hervorheben. —

Anhangsweise ist beizufügen, dass Schinz demselben Hefte seiner „Beyträge", in welchem er die Karte von Meiss veröffentlichte, auch eine zwei Jahre früher durch Joh. Heinrich Meyer (12), unter Grundlage einer von Herrn Pfarrer Albertini in Airolo gemachten Skizze (13), gezeichnete und ebenfalls von Clausner gestochene Karte des Livinerthales beilegte, welcher jedoch, wenn sie auch in Beziehung auf den Detail nicht ohne Verdienst sein mag, lange nicht dasselbe Lob wie derjenigen von Meiss ertheilt werden kann, da sie in Beziehung auf die Anlage eher einen Rückschritt, als einen Fortschritt repräsentirt (14).

Die von Heinrich Keller (15) nach Pater Paolo Ghiringelli (16) für den helvetischen Almanach auf 1812 gezeichnete Karte des Kantons Tessin endlich, hält ungefähr die Mitte zwischen den Karten von Meiss und Schinz (17), und es hätte Keller offenbar besser gethan, wenigstens für die Anlage, statt an Ghiringelli sich ganz an den damals schon längst vollständig erschienenen Meyerschen Atlas zu halten.