Kapitel XIX. Die Detail-Aufnahmen.
Wie in der Ostschweiz die kantonalen topographischen Aufnahmen im Thurgau und Aargau, so folgten sich in der Westschweiz die in Genf, der Waadt und Freiburg.
Wir beginnen, da die Aufnahme von Genf besser etwas später im Zusammenhange mit den eidg. Aufnahmen
besprochen werden wird
(1),
mit derjenigen der Waadt, bei welcher wesentlich zwei Perioden zu unterscheiden sind,
— die erste von 1835 bis 1848 gehend, die zweite mit 1856 beginnend
(2).
In der ersten Periode bestand eine sog. topographische Commission aus Hypolithe de Saussure
(3),
dem jetzt noch lebenden Ingenieur William Fraisse, und dem uns ebenfalls schon bekannten
Commissaire-général Sterchi
(4),
der schon von 1825 hinweg den Kataster-Arbeiten einen kräftigen Impuls gegeben und eine Reihe guter
Geometer herangebildet hatte.
Die Commission hielt im Herbst 1835 eine Conferenz mit General Dufour, und organisirte nachher die Arbeiten:
Jules Piccard
(5)
erhielt den Auftrag die vorhandenen Gemeindekarten auf 1/25000 zu reduciren, wofür er einen von Oeri
unter Aufsicht von Horner construirten Pantographen benutzte, und sich im Uebrigen natürlich mit Hülfe
der trigonometrischen Punkte zur Grundlage eine Art Netz bildete. Seine Reductionen wurden sodann
durchgezeichnet und den Ingenieuren übergeben, welche dieselben nicht nur auf dem Felde revidirten und
wo nöthig ergänzten, sondern namentlich auch in dieselben Niveaucurven von 8 m. Distanz eintrugen
(6).
Ausserdem arbeitete Anselmier
(7)
einige Zeit an dem nordwestlichen Theile des eidg. Blattes XVI, für welches er zwar die Durchzeichnungen von
Piccard erhielt, sonst aber nicht unter der waadtländischen Commission, sondern direct unter dem eidg.
Bureau stand, welches ihn auch bezahlte.
Ebenso übernahm die Eidgenossenschaft direct den auf Blatt XVII fallenden Theil der Waadt, mit dessen
Aufnahme Stryenski, von dem sofort weiter die Rede sein wird, betraut wurde. Die von der kantonalen
Commission besorgten Arbeiten wurden 1848 beendigt, und kosteten etwa 60000 Schweizerfranken, an welche
die Eidgenossenschaft 16000 Frkn. beitrug. —
Die zweite Periode brachte der Waadt eine eigene Karte. Als nämlich Oberst Burnier (8) im Jahre 1855 einige Blätter von der später zu besprechenden Zürcher-Karte sah, kam ihm der Gedanke, dass die Waadt auch eine ähnliche Arbeit besitzen sollte; er theilte s. Idee dem Staatsrathe mit, der sofort darauf eintrat, und aus ihm, Delarageaz (9) und Piccard eine neue Commission bildete, welche am 2. Mai 1856 ihre erste Sitzung hielt.
Burnier berechnete die Coordinaten aller theils in den Ergebnissen, theils in der Specialtriangulation von Saussure und Delarageaz enthaltenen Punkte in Beziehung auf den Meridian von Lausanne, und construirte überhaupt das Netz, in welches sodann der Detail nach den frühern, aber noch einmal strenger Revision unterworfenen Aufnahmen eingetragen wurde (10). Diese Eintragungen, und überhaupt die Bureauarbeiten, besorgte Alexander Dürr (11), bis er 1862 aus Gesundheitsrücksichten entlassen werden musste, wo er sodann durch Jules Chaudet ersetzt wurde, der bis dahin bei den Revisionen auf dem Felde thätig gewesen war (12); sie werden muthmasslich im laufenden Jahre beendigt werden.
Die in 1/50’000 gezeichnete Karte ist auf 12 Blätter zu 62 auf 46 cm. berechnet, und erscheint, von H. Müllhaupt gravirt, unter dem Titel „Carte topographique du Canton de Vaud, dirigée par la Commission topographique du Canton" in zwei Ausgaben, von welchen die eine die Horizontalen zeigt, die andere Schraffen hat. Im November 1878 waren von jeder der beiden Ausgaben 6 Blätter erschienen. —
Der oben erwähnte Alexander Stryenski wurde im Jahre 1804 zu Bialystock in Lithauen geboren, studirte auf den Militärschulen in Kalisch und Warschau, und wurde 1828 bei dem Kriege gegen die Türkei dem Generalstabe des Kaisers Nicolaus beigeordnet (13). Nachdem er als Hauptmann im Generalstabe an dem erfolglosen polnischen Unabhängigkeitskriege Theil genommen, flüchtete er sich nach Preussen, lebte dann einige Zeit in Frankreich, und kam endlich etwa 1833 nach der Schweiz, wo er an einigen Grenzvermessungen im Jura Theil nahm und auch unter Oberst Lelewel in Bern arbeitete.
Im Jahre 1838 berief ihn General Dufour um an den Aufnahmen für die topographische Karte der Schweiz Theil zu nehmen. Nachdem er einen grossen Theil der Aufnahmen und Zeichnungen für Blatt XVII gemacht hatte, übernahm er 1843, gestützt auf die 1836 durch Lüthardt (14) ausgeführte Triangulation, die topographische Aufnahme des Kantons Freiburg, in 1/25’000 mit Niveaucurven von 10 m. Distanz, zu machen, wofür er 1845 noch L'Hardy (15) als Gehülfen engagirte.
Die vier schönen, in Kupferstich mit Schraffen ausgeführten Blätter, welche die
„Carte topographique du Canton de Fribourg levée de 1843 à 1851 par Alex. Stryenski, ancien élève
de l'école d'application de Varsovie. Gravée à Paris par Th. Delsol. Ecrite par J. M. Hacq et Carre. Publiée en 1855.
Echelle de l pour 50000" bilden, sind die Frucht seiner fleissigen und gewandten Arbeit.
Nach Beendigung derselben arbeitete er noch einige Zeit für das topogr. Bureau, — machte sodann
„le tracé du chemin de fer de Lausanne à la frontière bernoise et celui de Genève à Versoix, — enfin en 1858
il entra au bureau des travaux publics du Canton de Genève, où il a été constamment occupé à la correction des
routes et à l'alignement de la nouvelle ville. En 1875 fatigué par une vie si active, il tomba gravement malade, et fut
obligé de donner sa démission. Deux mois après, le 9 Déc. 1875, il mourait à l’age de 71 ans chez une de ses
filles à Paris où il s'était retiré."
(16)
Ich füge zum Schlusse nach L'Hardy bei:
„Stryensky était d'un caractère doux, aimable et bienveillant et d'une grande valeur morale. Le Général
l'avait en grande affection et estime, et tous ses travaux étaient faits consciencieusement et avec intelligence.
Il n'a laisse que des amis, et son souvenir est reste cher à tous ceux qui l'ont connu."