Kapitel XXI. Die kantonalen Sternwarten.

 

164. Die Sternwarte in Neuenburg.

Schon von 1768 hinweg soll sich der berühmte Uhrmacher J. Fr. Houriet in Locle zur Prüfung des Ganges s. Uhren eines Mittagsfernrohres bedient haben, und gegen die Mitte des laufenden Jahrhunderts wurden sogar theils ebendaselbst, theils in Neuenburg und Chaux-de-fonds zu Gunsten der Uhrenindustrie öffentliche Regulatoren aufgestellt, und zu ihrer Verification kleine Passageninstrumente verwendet.
Als dann aber bald darauf die Construction von Regulatoren und Chronometern im Neuenburgischen noch ernstlicher an die Hand genommen wurde, trat die Wünschbarkeit einer öffentlichen Institution zu Gunsten von Zeitbestimmungen und Uhr Untersuchungen so sehr in den Vordergrund, dass sich die Behörden mit Projecten für Erstellung einer cantonalen Sternwarte zu befassen begannen, und 1858 V 17 der damalige Staatsrath Aimé Humbert (1) dem Grossen Rath einen betreffenden Bericht erstattete, der mit den Worten begann:

„Parmi les points du programme de travail des experts délégués à Paris pour visiter l'exposition universelle de 1855, dans l'intérêt de notre Industrie nationale, figurait en première ligne l'article suivant:
Rechercher les améliorations à introduire dans notre Industrie horlogère pour faire de la fabrication des chronometres de marine une branche importante de l'horlogerie neuchâteloise, et cela en recherchant ce que peuvent présenter d'intéressant les chronomètres étrangers, soit comme mécanisme et en particulier les échappements, soit comme moyen de fabrication, soit enfin comme organisation de fabrique".

Humbert theilte sodann mit, die Experten haben damals gefunden, dass sich der Ausdehnung dieser Fabrication keine ernstliche Schwierigkeit entgegenstelle, als der Mangel eines Observatoriums zur Prüfung des Fabrikates, und zwar haben sie erklärt :

„Jusqu'à présent nous n'avons eu aucun moyen de faire contrôler la marche de nos chronomètres; nous n'avons pu le faire que par nous-mêmes, par des moyens qui nous entraînaient à des frais et à un travail inadmissibles pour une fabrication en grand, et qui du reste ne pouvaient servir qu'à notre satisfaction personnelle.
Les tables de réglage faites par nous-mêmes n'ont à peu près aucune valeur vis-à-vis de l'acheteur qui, s'il ne suspecte pas notre bonne foi, peut au moins mettre en doute l'exactitude de nos moyens d'observation; tandis qu'un chronomètre accompagné d'une table de réglage faite et signée par le directeur de l'observatoire d'un gouvernement, fait autorité et rehausse la valeur de la pièce, en donnant confiance à l'amateur".

Der Staatsrath habe hierauf im Januar 1856 die Erziehungsdirection beauftragt die Frage einer Sternwarte zu prüfen, und diese habe Professor Ladame (2) als Experten ernannt. Ladame habe nun Genf, wo die Prüfung der Uhren bereits im Gange war, — Bern, dessen 1854 reorganisirte Sternwarte zweckentsprechend schien, — und Zürich, wo vom Neubau einer Sternwarte die Rede, aber noch nichts fixirt war, besucht, und alsdann im Mai einen Rapport eingegeben, welcher von einem bescheidenen Projecte begleitet war, das 12’000 Fr. für ein Gebäude, 12’000 Fr. für Instrumente und ein Jahresbudget von 2’000 Fr. in Aussicht nahm.

Die darauf folgenden politischen Bewegungen haben jedoch bewirkt, dass die Sache bis zum Dezember 1857 liegen blieb, wo nun obige Summen auf 30’000, 20’000 und 5’000 Fr. erhöht wurden, da man etwas vollkommnere Einrichtung, auch Wohnräume und einen Gehülfen nöthig fand.
Während dem diess geschehen, sei Dr. Hirsch (3) auf s. Reise nach Paris, wo ihm auf der dortigen Sternwarte eine Anstellung zugesagt war, durch Neuenburg gekommen, und alsbald eingeladen worden, „à s'arrêter quelques temps à Neuchâtel pour y étudier la question de notre observatoire cantonal". Hirsch habe 1858 III 31 s. Expertise abgegeben, die Notwendigkeit einer Sternwarte im Allgemeinen entsprechend wie früher nachgewiesen, den Mail als Bauplatz empfohlen, ein neues Project von Rychner vorgelegt, und die Zweckmässigkeit der Erweiterung mit den Worten begründet:

„Il faut que votre observatoire, sans avoir la prétention de devenir un des grands centres de l'astronomie, soit pourtant à même de produire des observations scientifiques, pour pouvoir prendre un rang parmi les observatoires connus dans le monde scientifique; car sans cela, les tables de réglage qu'il fournirait aux chronomètres de vos horlogers ne posséderaient point l'autorité suffisante auprès des acheteurs, quoiqu'elles la méritassent cependant, et ainsi vous auriez manqué le but que vous vouliez atteindre."

An Instrumenten verlangte Hirsch
— einen dreifüssigen Meridiankreis mit Fernrohr von 4" Oeffnung auf 4½' Focaldistanz (4),
— ein Equatoreal mit Stunden- und Declinationskreis von 20" Durchmesser, Fernrohr von 40'" Oeffnung auf 3½' Focaldistanz, und wo möglich mit Uhrwerk (5),
— zwei gute Uhren, die eine von einem renommirten Atelier, wie Dent, Kessels, Tiede, etc., die andere allfällig aus dem Lande (6),
— einen Apparat zur Prüfung von Chronometern bei verschiedener Temperatur (etwa von —15 bis +35° R.),
— sowie telegraphische Verbindung mit den Hauptcentren der Uhrenindustrie um Zeitsignale geben zu können, —

und schloss dann s. Bericht mit den Worten:
„Quant à l'organisation du service, je suis d'avis qu'il suffira complètement d'employer un astronome comme directeur de l'observatoire et un jeune et intelligent ouvrier comme aide". (7) —

Das von Humbert mit diesem Berichte im Namen des Staatsrathes vorgelegte Decretsproject, das, nach Prüfung durch eine Commission, vom Grossen Rathe 1858 V 18 angenommen wurde, verfügt (unter Beiziehung der Bürgerschaft und Gemeinde Neuenburg für Platz, Zufahrt und Brunnen) den Bau einer Sternwarte auf Staatskosten, eröffnet für denselben und den Ankauf der Instrumente einen Credit von 60’000 Fr., für die Besoldungen und Unterhaltungskosten einen jährlichen Credit von 5’000 Fr., und beauftragt den Staatsrath mit der sofortigen Ausführung.

In der That wurde, sobald Hirsch die nöthigen Orientirungsarbeiten gemacht hatte, der Bau durch Rychner sofort begonnen, und so rasch gefördert, dass Hirsch, der im Frühjahr 1859 definitiv als Director gewählt worden war, schon VII l s. Wohnung beziehen und IX 9 die erste Beobachtung am Meridiankreise machen konnte.

Auf die seither durch Hirsch und s. Gehülfen ausgeführten Arbeiten kann hier natürlich nicht im Detail eingetreten werden, sondern es mag genügen anzuführen,
— dass die Breite der Sternwarte vorläufig auf 46° 59' 54" festgesetzt wurde, und nächstens aus den seit 20 Jahren gesammelten zahlreichen Meridianbeobachtungen unter Berücksichtigung der Theilungsfehler des Kreises definitiv abgeleitet werden soll,
— dass sich die Länge vorläufig durch kleine Chronometer-Expeditionen nach Genf, Bern und Paris im Mittel gleich
18m 8s,58 ergab, und nächstens, da ausser der schon erwähnten telegraphischen Längenvergleichung mit Genf (8), und den später zu besprechenden ähnlichen Vergleichungen mit Bern, Zürich und Mailand (9), jüngst auch eine solche direct mit Paris gemacht wurde, definitiv erhalten werden wird,
— und dass der dieser Sternwarte gestellten praktischen Hauptaufgabe der Zeitabgabe und Uhruntersuchung alle mögliche Sorgfalt zugewandt wird, ohne desswegen die wissenschaftlichen Leistungen aus dem Auge zu verlieren.

Zum Schlusse ist noch zu erwähnen, dass Hirsch den grossen Vortheil besitzt bei den geschickten Uhrmachern im Jura und bei der durch Hipp (10) geleiteten Telegraphenwerkstätte in Neuenburg ausgiebige mechanische Hülfe zu finden.