Kapitel XXIII. Die geodätische Commission.

 

174. Der Plan zu einer europäischen Gradmessung.

Auf Grundlage der vorhandenen Gradmessungen haben verschiedene Mathematiker, voraus Bessel, den Beweis geleistet, dass die Erde im Allgemeinen als ein an den Polen abgeplattetes Rotationsellipsoid angesehen werden kann, — sie haben ferner die, der Gesammtheit jener Messungen am besten entsprechenden Dimensionen dieses Ellipsoides festgestellt; aber zugleich hat sich aus denselben Untersuchungen auch mit ziemlicher Sicherheit ergeben, dass die Erde da und dort bedeutende Abweichungen von jener geometrischen Gestalt zeigt, und es ist dadurch die neue Aufgabe entstanden, diese localen Abweichungen genauer zu ermitteln, und für das Studium des dieselben bedingenden Baues der Erde fruchtbar zu machen.

Für die Lösung dieser neuen Aufgabe kann es sich aber offenbar nicht mehr darum handeln vereinzelte Linien zu messen, sondern es müssen ganze Erdstreifen nach allen Richtungen studirt werden, und hiefür finden sich wohl auf keinem Theile der Erde reichere Hülfsmittel vereinigt als in Mittel-Europa.

Es ist daher begreiflich dass, als im Frühjahr 1861 der ausgezeichnete preussische Geodäte, der ehrwürdige General Baeyer, einen durchdachten Plan für die Benutzung der mitteleuropäischen Dreiecksnetze und Ortsbestimmungen zu gedachtem Zwecke bekannt gab, derselbe überall, von Behörden und Privaten, mit grossem Beifall aufgenommen wurde. Er fasste damals zunächst den Erdstreifen ins Auge, der zwischen den an 22° von einander abstehenden Parallelen von Palermo und Christiania, und den etwa 12° von einander abstehenden Meridianen von Bonn und Trunz liegt, ganz von Dreiecksnetzen bedeckt ist, auch mehr als 30 Sternwarten und astronomisch bestimmte Punkte enthält, und sagte:

„Innerhalb dieses Rahmens können etwa 10 Meridian-Bögen unter verschiedenen Längen, und noch mehr Parallel-Bögen unter verschiedenen Breiten berechnet werden

— es kann die Krümmung der Meridiane jenseits der Alpen mit der diesseits verglichen, — der Einfluss der hohen Alpenkette auf die Ablenkung der Lothlinien untersucht,
— und die Krümmung von Theilen des mittelländischen und adriatischen Meeres, der Nord-und der Ostsee bestimmt werden;

kurz, es bietet sich ein weites Feld von wissenschaftlichen Untersuchungen dar, die noch bei keiner Gradmessung in Betracht gezogen wurden, und die unzweifelhaft zu eben so viel interessanten als wichtigen Ergebnissen führen müssen.

Wenn sich daher Mittel-Europa vereinigt, und sich mit seinen Kräften und Mitteln an der Lösung dieser Aufgabe betheiligt, so kann es ein bedeutungsvolles grossartiges Werk ins Leben rufen."